Intelligente Automation: Vom Gebäude zum Energiesystem
Was passiert, wenn ein Gebäude nicht mehr nur Energie verbraucht, sondern aktiv mitdenkt, steuert und optimiert? Diese Frage stand im Zentrum einer Diplomarbeit an der ABB Technikerschule. Drei Studierende entwickelten daraufhin ein ganzheitliches Konzept für ein intelligentes Mehrzweckgebäude – direkt auf ein reales Bauprojekt ausgerichtet.
Die Ausgangslage war anspruchsvoll: Auf einem bestehenden Areal entsteht ein Neubau mit Büroflächen, Wohnungen und Ladeinfrastruktur. Gleichzeitig ist die vorhandene Infrastruktur bereits komplex. Photovoltaikanlage, Batteriespeicher, Schnelllader und zahlreiche E-Ladestationen sind in einen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) integriert. Die Herausforderung für die Studierenden der ABB Technikerschule bestand darin, neue und bestehende Systeme so zu verbinden, dass Effizienz, Netzstabilität und Komfort gleichzeitig gewährleistet bleiben.
Nicht einzelne Systeme – sondern ein Zusammenspiel
Das Projektteam – Denny Enderli, Samuel Melliger und Mohammad Hinnawi – entwickelte im Auftrag der Meierelektro AG ein durchgängiges Gesamtkonzept. Im Zentrum steht ein Gebäudeleitsystem, das Büro, Wohnungen und Energieflüsse miteinander vernetzt. Während für die Bürobereiche verschiedene Systeme evaluiert wurden, basiert die Wohnungsautomation auf einer konsequent umgesetzten Loxone-Architektur.
Entscheidend ist der systemische Ansatz: HLK, Energie und Nutzung werden nicht isoliert betrachtet, sondern als zusammenhängendes System. Das Gebäude reagiert dynamisch auf Nutzung, Wetter und Energieverfügbarkeit – ein klarer Schritt hin zu datenbasierten, adaptiven Prozessen.
Ein technischer Schwerpunkt liegt im Lastmanagement. Die bestehende Ladeinfrastruktur wird durch den Neubau zusätzlich belastet. Das entwickelte System erfasst alle Verbraucher zyklisch, verarbeitet die Daten zentral und steuert die Leistungen dynamisch. Dank modularer Struktur können neue Komponenten ohne Eingriffe in die Systemlogik integriert werden.
Ergänzt wird das Konzept durch ein Dashboard, das Energieflüsse, Speicherzustände und PV-Erträge visuell darstellt. So werden komplexe Zusammenhänge nicht nur messbar, sondern verständlich – für Fachpersonen ebenso wie für Nutzer.
Auch die Wohnungen sind vollständig integriert. Funktionen wie Energie-Monitoring, Szenariensteuerung oder Anwesenheitssimulation sind zentral verfügbar und intuitiv bedienbar. Gebäudeautomation wird damit nicht nur umgesetzt, sondern im Alltag erlebbar.
Die Zukunft liegt im Zusammenspiel, nicht in Einzelkomponenten
Dieses Projekt zeigt klar, wohin sich Gebäude entwickeln: weg von isolierten Systemen hin zu vernetzten, dynamischen Energieplattformen.
Der entscheidende Punkt ist nicht die einzelne Technologie, weder Photovoltaik, noch HLK, noch Ladeinfrastruktur. Der Mehrwert entsteht erst durch das Zusammenspiel: Gebäudeautomation steuert Komfort und Effizienz, Lastmanagement sichert die Netzstabilität, Visualisierung schafft Transparenz und Akzeptanz, und die modulare Architektur ermöglicht zukünftige Erweiterungen.
Für Fachpersonen in der Gebäude- und Elektrotechnik bedeutet das konkret: Die Anforderungen verschieben sich. Gefragt sind nicht mehr nur Spezialisten einzelner Gewerke, sondern Fachkräfte, die Systeme verstehen, vernetzen und ganzheitlich denken.
Genau solche Projekte liefern den Praxisbeweis. Intelligente Gebäude sind keine Vision mehr, sie funktionieren bereits heute und werden zum Standard für alles, was in Zukunft geplant und gebaut wird.
Praxisnähe, die Wirkung zeigt
Die Zusammenarbeit zwischen der Meierelektro AG und den Studierenden entstand im Rahmen ihrer Diplomarbeit ihrer Weiterbildung «Dipl. Energie- und Umwelttechniker/in HF» bei der ABB Technikerschule. Solche Projekte zeigen exemplarisch, wie praxisnahe Bildung und unternehmerischer Fortschritt Hand in Hand gehen.
Für die Studierenden bietet sich die einmalige Gelegenheit, ihr erlerntes Wissen im realen Umfeld anzuwenden und ein greifbares Resultat zu erarbeiten. Sie vertiefen dabei nicht nur ihre Fachkompetenz, sondern lernen auch den Umgang mit echten Projektanforderungen, Teamprozessen und betriebswirtschaftlichen Überlegungen – Fähigkeiten, die im Berufsalltag unerlässlich sind. Das heisst, sie erhalten mit den Diplomarbeiten kein Wissen auf Vorrat, sondern Lösungskompetenzen.
Die beteiligten Unternehmen profitieren wiederum von innovativen Impulsen und frischen Perspektiven. Durch die enge Begleitung der Projekte durch die ABB Technikerschule ist zudem gewährleistet, dass die Arbeiten methodisch fundiert, zielgerichtet und auf aktuelle technologische Entwicklungen ausgerichtet sind.
Gerade im Bereich der Energie- und Umwelttechnik, in dem sich Technik und Marktanforderungen rasant weiterentwickeln, sind solche Kooperationen von unschätzbarem Wert. Sie fördern nicht nur die praxisorientierte Weiterbildung der nächsten Generation von Fachkräften, sondern stärken auch die Innovationskraft der beteiligten Betriebe – eine Win-win-Situation.
Dipl. Gebäudeautomatiker/innen HF sind Generalisten und verantwortlich für die Planung und Umsetzung von Projekten, um den Komfort, die Sicherheit und die Energieeffizienz von Gebäuden zu verbessern. Sie zeichnen sich durch umfassende technische Fähigkeiten, hohe Flexibilität und ausgeprägte Sozialkompetenzen aus und sind die Schnittstelle von Gebäudetechnik, Elektrotechnik und Systemtechnik wie auch Gebäudeinformatik.
Im Bildungsgang Gebäudeautomation werden die Teilnehmer in den wichtigsten Technologien und Anwendungen für die Gebäudeautomation ausgebildet. Im Zentrum steht die Entwicklung von Kompetenzen für die Projektierung, Entwicklung, Realisierung, Inbetriebnahme und Betreuung von technisch anspruchsvollen Gebäudeautomationssystemen.
Das Besondere an einem Studium an einer Höheren Fachschule ist, dass dieses ohne Berufsmatura absolviert werden kann. Vorausgesetzt werden ein EFZ und eine einschlägige Berufstätigkeit während des Studiums von mindestens 50 Prozent. Die Vernetzung zwischen den Lehrfächern sowie von Theorie und Praxis hat bei der ABB-Technikerschule einen sehr hohen Stellenwert.